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Wer zwischen dem südwalserischen Gressoney im Aostatal und dem Kleinen Walsertal in Vorarlberg die Alpen durchstreift, begegnet in den Talebenen den romanischen Lauten der Urbevölkerung, allgemein schweizerdeutschen oder auch italienischen Sprachklängen. Aber an den Hängen und in den Hochtälern hört man walserisch sprechende Leute. "Grüaß Gott i der Schtuuba" heißen die Menschen im Kleinen Walsertal den Gast in ihren Häusern willkommen und lassen sich gerne auf einen "Hängert" (Plausch) ein.

Walser Alpen
Vorarlberger Walservereinigung
Wir Walser
Der große Walserweg


Eine Völkerwanderung durch die zentralen Alpen

Etwa um das Jahr 1000 erreichte eine kleine Gruppe von Alemannen von Norden her den heute deutschsprachigen Teil des Wallis. Es kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden, warum ein Teil dieser Bauern und Hirten 250 Jahre später begannen, das Goms besonders nach Süden und Osten hin zu verlassen und auf diese Weise von "Wallisern" zu "Walsern" wurden. Waren es die großen Kinderzahlen, die eine Überbevölkerung verursachten? Waren es Naturkatastrophen, Klimaveränderungen oder die Pest? War es die Trockenheit des warmen Klimas vor 700 Jahren, das im Wallis Not bereitete? Oder einfach die Lust am Abenteuer? Dazu kann niemand mehr befragt werden. Eine zentrale Rolle spielten die Feudalherren mit ihren verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Verbindungen, die es gestatteten, die ausgezogenen Walliser in unwirtlichen Gegenden anzusiedeln. Die Bevölkerung und die Anbauflächen wuchsen. Dadurch sicherten die Herren ihren Unterhalt und ihre Herrschaftsansprüche. Die Siedler erhielten das "Walserrecht" (Kolonistenrecht), d.h. die persönliche Freiheit, das Recht zur Bildung eigener Gerichtsgemeinden und das Recht der freien Erbleihe von Grund und Boden. Dies besagte, dass beim Tod eines Siedlers das Gut auf seine Erben überging. Das "Walserrecht" wurde gegen einen mäßigen Zins und die Verpflichtung zum Kriegsdienst gewährt. Heute sind es rund 150 Siedlungen mit ca. 40.000 Menschen, die über 300 km Luftlinie vom südwalserischen Gressoney bis zum ostwalserischen Mittelberg verstreut liegen.

Die Walsersiedlungen

Als die auswandernden Walser Familien in ihrer neuen Heimat ankamen, waren die gut bebaubaren Flächen von der alteingesessenen, mehrheitlich romanischen, aber auch niederalemannischen Bevölkerung längst besetzt. So blieben ihnen nur die unwirtlichen Gebirgsgegenden, die oft über 1500 m, im Avers gar über 2000 m Meereshöhe liegen. Juf im Avers auf 2150 m Meereshöhe ist der höchstgelegene, ganzjährig bewohnte Ort Europas. Die Wanderungen der Walser, die durch das im 14. Jahrhundert herrschende milde Klima begünstigt wurden, führten vom Oberwallis nach Norden ins Haslital des Berner Oberlandes, nach Westen ins französische Chablais und vor allem über die Pässe des Monte-Rosa-Massivs nach Süden in die hohen oberitalienischen Alpentäler nach Gressoney, Alagna (Im Land), Macugnaga (Makaná), Ornavasso (Urnafásch), Rima, Rimella, ins Formazza (Pomatt) und ins tessinische Bosco Gurin (Südwalser). In mindestens drei verschiedenen Schüben zogen die deutschsprachigen Siedler alsbald ostwärts nach Obersaxen, ins Rheinwald und ans Landwasser bei Davos. Von diesen "Stammkolonien" setzten sich die Wanderungen fort: vom Rheinwald nach Vals, Safien, Avers und Mutten; von Davos nach Klosters und ins Prättigau mit St. Antönien, Furna, Valzeina sowie ins benachbarte Schanfigg. Wenig geklärt ist der Wanderweg ins St. Galler Oberland nach Palfris, ins Calfeisen- und Weißtannental. Aufgrund von Sprachvergleichen ist es wahrscheinlich, dass die Walser von Davos aus auch Triesenberg in Liechtenstein und die Walserorte in Vorarlberg und Tirol erreichten. Am Ende des 14. Jahrhunderts endete die spätmittelalterliche, inneralpine Völkerwanderung im Kleinen Walsertal (Ostwalser).



Alt hergebrachte Wirtschaftsweise

Die Walser waren jahrhundertelang als Bauern und Säumer tätig. Dies führte dazu, dass in den Walsergebieten gleiche oder ähnliche Arbeitsweisen oder -geräte entwickelt wurden. Die gekrümmte, stark eingewinkelte Sense soll von den an steilen Hängen mähenden Walsern erstmals verwendet worden sein. Die private Einzelsennerei, die heute zugunsten des rentableren Genossenschaftsbetriebes beinahe verschwunden ist, kann als "Walser Merkmal" bezeichnet werden. Dies ist von der Walliser Urheimat bis ins Kleine Walsertal anzutreffen.


Siedlungs- und Bauweise

Es existieren diverse Klischeevorstellungen wie z.B.: Walser als Individualisten leben in Streusiedlungen, Romanen dagegen in geschlossenen Dörfern. Oder: Walser bauen nur Holzhäuser, Romanen dagegen Steinhäuser. Richtig ist nur, dass Holzbauten und Streusiedlungen bei den Walsern besonders häufig anzutreffen sind. Da in den Höhenlagen der Bedarf an Heuflächen hoch ist, um das notwendige Viehfutter zu sammeln, waren die walserischen Bauerngehöfte oft weit verstreut. Wo das Gelände jedoch eine Streuung nicht zuließ, wie etwa in Rima, in Bosco Gurin oder im Rheinwald, entstanden geschlossene dörfliche Siedlungen.

Die Bedingungen der Umwelt prägten auch den Hausbau. Ein einheitliches, überall anzutreffendes "Walserhaus" gibt es nicht. Die Bauweise hat sich in den verschiedenen Siedlungsregionen unterschiedlich herausgebildet. So kann man von einer faszinierenden Vielzahl walserischer Haus- und Stalltypen sprechen. Es gelangten jeweils jene Baumaterialien zur Anwendung, die in der näheren Umgebung in ausreichendem Maße vorhanden waren. Während in den südwalserischen Orten Gressoney oder Alagna das Haus und der Stall in einem Gebäude in vollendeter Gestalt anzutreffen sind, herrscht in Graubünden und Vorarlberg ein anderer Typus vor. Hier sind Wohnhaus und Stall mindestens einen Steinwurf voneinander entfernt. Im talwärts gerichteten Teil des Wohngebäudes befinden sich Stube und Schlafkammer, dahinter der gemauerte Teil der Küche.

Allen Walsern gemeinsam ist die Verehrung des heiligen Theodul, einer der ersten Walliser Bischöfe. Wo der Heilige mit der Glocke und dem Teufel abgebildet ist, sind meist die Walser nicht weit.
Die Trachten der Walser

Die Walser tragen keine einheitliche Tracht. Sie entwickelte sich lange nach der Einwanderungszeit nach verschiedenen Zeitströmungen. Seit der Empirezeit wird beispielsweise die Kleinwalsertaler Frauentracht hoch geschnürt getragen.

Die Sprache - ein altes Walsererbe

Etwas vereinfachend wird angenommen, dass die Kultur der Walser, "einer einfachen bäuerlichen Schicksalsgemeinschaft", letztlich eine Sprachkultur sei. Bei den Walsern war und ist die Sprache auch heute noch mehr als ein bloßes Verständigungsmittel.

Die Sprache stellt ein über 700 Jahre altes Bindeglied zwischen den meisten Walsersiedlungen und dem Ursprungsland am Rotten (Rhone) dar. Sie ist angesichts der zunehmenden Verödung unserer Umwelt jenes Medium, in dem noch "Heimat" spürbar ist. Paul Zinsli schreibt nicht umsonst: "Was diese in der Zerstreuung lebenden Menschen noch immer über Täler und Grate hinweg zu verbinden vermag, ist neben dem vereinzelt erhalten gebliebenen und nun wiedererweckten Bewusstsein der gemeinsamen Herkunft allein der Besitz einer in ihren Grundzügen gemeinsamen Sprache ...".

Leider ist aber gerade die Walser Sprache mancherorts bedroht oder gar im Verschwinden begriffen. Da es Leute gibt, welche diese Problematik erkennen, werden Anstrengungen unternommen, um mit dieser Sprache ein wertvolles Stück alpiner Lebensart - und damit auch das wesentliche Element der Walser Kultur - in die Zukunft hinüberzuretten. Dazu sind mehrere Werke, die sich mit Mundart befassen, erschienen. Merkmale der höchstalemannischen Walser Sprache sind die Verschiebung des "s" zu "sch" (sie = schii, uns = önsch, ünsch oder insch, Eis = lisch, böse = böösch) oder die Wandlung von "-nk" zum weicheren "-ch" (trinken = triicha, denken = deicha). Dazu kommt eine große Zahl besonderer, meist lokal geprägter Ausdrücke.

 
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